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Die Jammerseiche von Breitenthal

- eine alte Sage -

Als der furchtbare 30jährige Krieg in Deutschland tobte, wurde auch die Gegend zwischen Nahe und Hunsrück schwer heimgesucht. Spanier (Anmerkung des Webmasters: unter "Spanier" verstand man Truppen aus den Spanischen Niederlanden, die Soldaten kamen zumeist aus dem Gebiet des heutigen Belgien und wurden von dem General Ambrosio Spinola geführt), Kroaten und anderes Kriegsvolk plünderten, mordeten und sengten überall in der Landschaft. Lachende Fluren und Saatfelder wurden von ihnen verwüstet, Dörfer und Gehöfte in Brand gesteckt. Und wehe den armen, wehrlosen Menschen, die nicht flohen, wenn die Sturmglocke die drohende Gefahr verkündete! Furchtbare Misshandlungen mussten sie erdulden, und nicht selten wurden sie von den rohen Soldaten zu Tode gequält.

Am schlimmsten war die Kriegsnot in den Jahren 1627 und 1628. Damals hausten die Sanier unter dem General Spinola in unserer Gegend. Um jene Zeit wurden an einem Sommertage die Dörfer Niederhosenbach und Breitenthal von den Spaniern überfallen. Voller Angst und Schrecken flohen die Bewohner aus ihren Häusern, um in Wald oder Feld ein sicheres Versteck zu suchen. Wo die Gemarken der beiden Orte sich schneiden, liegt eine kleine Anhöhe, die einst mit mächtigen, uralten Eichen bewachsen war. Dort suchten die Flüchtlinge mit Weib und Kind Schutz vor dem wilden Kriegsvolk.

Aber bald spielte sich ein furchtbares Schauspiel an jener Stelle ab. Dem Kriegsvolk war die Zufluchtstätte verraten worden, und mit rohem Lachen umzingelten die Soldaten die Geflohenen. Aus dem nahen Walde schleppten sie dürre Reiser und Hecken herbei und türmten sie zu einem haushohen Walle um die armen Menschen. Und bald schlugen die Flammen mit lautem Prasseln hoch empor und leckten an den Eichen hinan. Da erhob sich ein furchtbares Wehklagen unter den Geflüchteten. Wie schrieen Weiber und Kinder! Die Männer aber erkletterten die hohen Eichen und riefen laut um Hilfe. Weithin hörte man das Jammern und Klagen und das Hilfegeschrei. Doch niemand vermochte zu helfen. Einige versuchten wohl, ihr Leben zu retten, indem sie den Todesring durchbrachen. Doch blad sanken sie unter den Streichen der Spanier zu Boden. Die rohen Soldaten aber lachten wild auf über das Wehgeschrei und schürten die Flammen, bis alle Geflüchteten verbrannt waren.

Seit der Zeit trägt jene Stelle den Namen "An der Jammerseiche". Und wenn man alte Leute fragt, wie die seltsame Flurbezeichnung entstanden ist, so erzählen sie von dem Wehklagen und Jammern, das einst um die alten Eichen erscholl, und das schon mancher gehöret hat, wenn er in später, stiller Stunde an jenem Ort vorüber kam.

Entnommen aus: "Heimatkundliches Lesebuch" - für die Volksschulen des Landesteils Birkenfeld
I. Teil (für die Grundschule), 2. Auflage mit Bildern von Maler Rudolf Wild in Idar
Herausgegeben 1928 vom Birkenfelder Landes-Lehrerverein